Husuma

11. Juli 2011

„Sicherheit geht GANZ anders“ im Rückblick

Protest-Banner vor der Fliegerhorst-Kaserne

Es ist fast schon Tradition: Bereits zum zweiten Mal fand vor der Husumer Fliegerhorst-Kaserne ein Protestcamp statt.

Auf dem breiten Grünstreifen zwischen Flensburger Chaussee und dem Zaun des militärischen Bereiches stand über Pfingsten eine bunte Zeltstadt. Zwischen den Zelten und Bäumen hingen für die Rad- und AutofahrerInnen gut sichtbare Banner, die Kritik an Auslandseinsätzen, Militär und Krieg formulieren. “Sicherheit geht GANZ anders!” war Motto der Veranstaltung. “Der Slogan soll deutlich machen, dass zu “Sicherheit” noch viel mehr gehört, als die bloße Abwesenheit von Krieg.” Und genau dies sei nicht durch militärischen Interventionen zu erreichen.

Sicherheit geht GANZ anders!
Im Gegenteil: Eine Sicherheitspolitik, die in erster Linie auf Militär setzt, schaffe erst viele Übel, die sie vorgibt, zu bekämpfen. Zudem sei eines in den verteidigungspolitischen Richtlinien festgelegten Ziele der deutschen Militärpolitik der “Schutz des freien Welthandels als Grundlage unseres Wohlstandes”. “Freier Welthandel ist ein anders Wort für Ausbeutung!” sagt dazu ein Aktivist. Gerade durch das, was mit dem Schlagwort “freier Welthandel” beschrieben würde, entstünden die massiven Ungerechtigkeiten bei der Wohlstandsverteilung in der Welt. “Und das ist eine der Hauptquellen der Unsicherheit in der Welt.” Und genau diesen Unsicherheitsfaktor “freier Welthandel” schütze die Bundeswehr, um angeblich Sicherheit zu schaffen. “Nur ein Abbau der Ungerechtigkeiten in der Welt und in den einzelnen Ländern wird zu einer dauerhaften Perspektive für viele Menschen führen!” schlussfolgert einer der Beteiligten.

Den Diskurs entlarven
Laut dem sh:z nahm der Standortkommandore Thilo Maedler, selber gerade erst aus Afghanistan zurück gekehrt, den Protest gelassen hin: “”Natürlich respektieren wir, dass die Teilnehmer dieser Veranstaltung ihre kritische Sicht der Einsätze der Bundeswehr im Rahmen demokratischer Spielregeln artikulieren.” – Was soll er auch anderes machen: “Bloß nicht hochkochen!” erscheint als eine durchaus clevere Strategie in einer Stadt, in der die Eliten aus Politik, Wirtschaft und Militär ansonsten keine Gelegenheit auslassen, sich gegenseitig selbst zu vergewissern, wie “sehr die Militärs in der Region verankert” seien. “Diesen von Oben angestrengten diskursiven Konsens bedrohen wir allein schon dadurch, dass wir hier direkt von Kasernentor eine GANZ andere Sicherheitspolitik einfordern” erklärt Jan Hansen, ein Mitorganisator und vielfältig politisch aktiver Student aus Berlin, der in Nordfriesland aufgewachsen ist.

Aus Husum in den Krieg
Auf die Frage, warum er dann nicht in Berlin demonstriert habe, wo die Auslandseinsätze entschieden würden, sondern in Husum, erklärt Hansen: “Die Militärs hier sind ganz entscheidend an allen Auslandseinsätzen beteiligt.” Die Soldaten aus der Fliegerhorstkaserne seien regelmäßig für Luftabwehr und als Sicherungszug an deutschen Kasernen im Ausland eingesetzt. Außerdem würden diese Militärs ab Sommer erneut einen Teil der NATO-Response-Force stellen, einer Angriffsarmee u.a. für die “Offenhaltung des Zuganges zu Märkten und Rohstoffen”. Die Militärs aus der zweiten Kaserne, die Spezialpioniere, seien zudem sehr wichtig für die gesamte Logistik der Bundeswehr im Ausland, da sie die Kasernen bauen und unterhalten würden: “Die Landebahn in Masir-a-Sharif wurde von den Husumern planiert”. Außerdem seien Soldaten aus Husum ab Sommer für die Treibstoffversorgung der NATO über Termez (Usbekestan) nach Afghanistan zuständig. “Ohne die Militärs aus Husum hätten die westlichen Militärs in Afghanistan wahrscheinlich ziemlich schnell Treibstoffprobleme” mutmaßte Hansen. Allerdings habe die Pionierkaserne keine Grünfläche vor der Tür, und so bleibt den Soldaten dort bis auf weiteres ein Protestcamp erspart.

Unabhängige Informationen sind gefragt
Das in der Bevölkerung durchaus ein Interesse an unabhängigen Informationen über das Treiben der lokalen Militärs im Ausland besteht, zeigte das Interesse an den vielfältigen Veranstaltung. Menschen aus allen Altersstufen hatten sich z.B. bereits am ersten Abend eingefunden, um den Vortrag “Von Husum in alle Welt” zu hören. Ein lokaler Antimilitarist erläuterte, was es mit den Auslandseinsätzen auf sich hat, formulierte seine Kritik daran, und informierte, wo und wie die norddeutschen Militärs daran beteiligt sind. Das Ergebnis erschreckt einige: “Die sind ja wirklich überall!” sagt eine ZuhörerIn nach der Veranstaltung. “Mich wundert es nicht, dass es ein Interesse an unabhängigen Informationen zum Thema gibt”, sagt Hansen. Die Lokalzeitung würde oft als verlängerter Arm der Militär-PR agieren, und lediglich “technisch-materialistisch” über das Treiben der Militärs berichten. “Die politischen Dimensionen der Einsätze werden regelmäßig ausgeblendet!” befindet Hansen.

Camp 2012 bereits in Planung
Auch die weiteren Veranstaltungen waren gut besucht und es kam zu regem Austausch und vielen Debatten. Das Camp wurde von den Teilnehmenden als Erfolg bewertet und die ersten Überlegungen 2012 wieder zu kommen wurden schon geäußert. „Es gibt bereits einen Vorbereitungskreis, der sich trifft, um die ersten Schritte für ein Camp in 2012 festzulegen“ freut sich Hansen. Wer mitmachen möchte, wende sich bitte für weitere Infos an redaktion-husuma@gmx.de

Sprechblasenaktion und eine Verhaftung
Darüber hinaus schmückte eine andere Aktion am Sonntagmorgen die Schaufenster der Innenstadt. Mit etwas künstlerischem Geschick präsentierten sich dem Passanten die Schaufensterpuppen der Innenstadtgeschäfte ungewohnt mittteilungsfreudig. Aufkleber in Sprechblasenform vermittelten den comic-artigen Eindruck, als würden die Figuren Sätze wie „Wie kann man mit Waffen Frieden schaffen?““ oder „Mir ist ja immer noch unklar, wie Menschen mit Uniform, Waffen, Befehl und Gehorsam Frieden bringen sollen“. Diese Klebeaktion wirkte sich auch indirekt auf das Camp aus, denn in der selben Nacht wurde eine Aktivistin, die auch am Camp teilnahm, in der Innenstadt verhaftet. Allerdings wurde sie bereits nach einer Personalienfeststellung und Durchsuchung auf der Wache in der Poggenburgstraße wieder freigelassen. Ob sie mit der Aktion in Zusammenhang gebracht wird, ist noch unklar, steht aber zu befürchten.

Provokation durch Neonazis
Unangenehm vielen lediglich am ersten Tag zwei Nazis aus, die von der gegenüber liegenden Straßenseite versuchten, die beim Camp-Aufbau helfenden Menschen mit der Kamera abzulichten. Die herbeigerufene Polizei (der der erste Mai anscheinend noch in Erinnerung ist) trat sehr massiv auf, verteilte Platzverweise, ließ die Bilder auf der Kamera löschen und beschlagnahmte einen Schlagring. Danach kam es für den Rest des Wochenendes zu keinen weiteren Provokationen durch Neonazis.

1 Kommentar »

  1. Gelesen und für zutreffend befunden 🙂 Dank an den Redakteur.

    Kommentar by SigridS — 16. August 2011 @ 00:01

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